• Alina Pröckl

Zusammen durch die Krise – Über das Ende des Eigenheims und die Notwendigkeit von Gemeinschaft

Die Coronapandemie hat vor allem den jüngeren Generationen ein Gefühl von Kontrollverlust gegeben. Zu dem Schock der Planungsunsicherheiten kommen jetzt die steigenden Kosten, explodierende Mieten und Heizkosten. Nicht umsonst daher eine der prominentesten Forderungen an die Politik: Schafft bezahlbaren Wohnraum! Und sowieso: Wohnen scheint das Thema unserer Zeit zu sein.

Viele sehnen sich nach dem Krisenmarathon der letzten Jahre vor allem nach Sicherheit und Halt. Denn gerade die, die in diesen Zeiten allein gewohnt haben, wissen, was das bedeuten kann: phasenweise Einsamkeit und vollständig auf sich allein gestellt sein. Natürlich stört nicht jeden das Allein-Sein. Die jedoch, bei denen es Spuren hinterlassen hat, sehnen sich nun nach einem Wohlfühlort in Begleitung mit Menschen, die man gernhat und denen man vertraut. Der Trend hin zur Aufwertung des eigenen Zuhauses hat auch mit einem zunehmenden Fokus auf das Lokale durch die wachsenden Unsicherheiten einer schnelllebigen und globalisierten Welt zu tun. Zukunftsforscher:innen sprechen hierbei vom sogenannten Glokalisierungs-Phänomen. Gemeint ist die Verwobenheit von Lokalem und Globalem und wie globale Dynamiken eine Rückbesinnung auf Lokalitäten wie das „Zuhause“ bedeuten können. Wir fragen uns nach dem „Wie?“ im „Wo“: Wie kann ich mir vorstellen zu leben? Wie bin ich sicher begleitet in (globalen) Krisen?

Laut einer Studie des Instituts für Zukunftspolitik über Wohnwünsche junger Menschen, veröffentlicht im April 2021, möchten 87 % der Menschen zwischen 14 und 19 Jahren in Zukunft ein Eigenheim besitzen. Nur 14 % von ihnen stellen sich darunter eine Wohnung vor. 84 % der Jugendlichen wünschen sich perspektivisch das Zusammenleben in einer Familie. Blickt man jedoch der Realität ins Auge, muss man anerkennen, dass die Wünsche nach einem Eigenheim für die Mehrheit illusorisch sind. Das große Sparen ist vorbei und auch das ist Teil der Realität: Über die Hälfte der Deutschen mietet. Viele haben nicht die finanzielle Sicherheit eines gutverdienenden Elternhauses oder die Perspektive auf Erbe. Noch gravierender ist es also für viele, dass die Mietpreise aktuell dermaßen explodieren. Und auch der Kinderwunsch und die Kernfamilie als Ziel bröckeln zumindest in manchen Blasen in Hinblick auf den Klimawandel und andere Zukunftsszenarien immer mehr. Was bleibt da anderes, als über Alternativen nachzudenken? Platz und Kosten sparen, Sicherheit und Gemeinschaft aufbauen, das sind die neuen Ziele.

Was diverse Wohnprojekte seit langem versuchen, stellt sich als Notwendigkeit heraus. Beim Ansatz funktionales Wohnen etwa geht es darum, maximal platzsparend und maximal flexibel zu wohnen. Menschen leben so, dass sie sich alle Räume nach ihren Funktionen teilen. Im Schlafzimmer schläft die ganze Wohngemeinschaft und im Arbeitszimmer arbeiten alle gemeinsam. Denn auch Arbeiten gewinnt in Hinblick auf Wohnen in Zeiten von Homeoffice an Bedeutung. Das Konzept des sogenannten Co-Livings ist deshalb auf Flexibilität und die gegenseitige Befruchtung von produktiver Kreativität innerhalb des Wohnraums angelegt. Im Fokus liegt hier jedoch die Lohnarbeit. Einen Gemeinschaftsfokus bieten dagegen Mehrgenerationenhäuser, Pflege-WGs und Senior:innen-WGs. Hier gelten Mitbewohnende und Freundschaften als Familie, übernehmen Verantwortung füreinander und geben aufeinander Acht.

Letztens bei Cosmo Radio hörte ich ein Gespräch, in dem traurig festgestellt wurde,„wie tief die Messlatte hängt“. Jugendliche wurden nach Wünschen an die Politik nach zwei Jahren der Entbehrung gefragt und eine Antwort war lediglich: „eine bezahlbare Wohnung wäre schön!“. Und ja, bezahlbare Mieten sind in jedem Szenario unabdinglich. Was aber wenn sich nichts ändert? Aller spätestens dann muss die Gemeinschaft funktionieren. Die jüngsten Krisen zeigen uns immer mehr: Vielleicht ist sie unsere wichtigste Ressource für die Zukunft.


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