• Analena Bachmann

Wir brauchen klimafeministische Lösungen

Aktualisiert: 8. Mai

“This is the biggest challenge humanity has ever grappled with, and we’re not going to solve it from our prefrontal cortex alone,” Wilkinson declares. “We need to come to this as whole human beings. And that means the grief, the uncertainty, the rage, the anxiety, but also the really ferocious love.”

“Dies ist die größte Herausforderung, mit der sich die Menschheit je auseinandergesetzt hat, und wir werden sie nicht allein mit unserem präfrontalen Kortex lösen. Wir müssen uns dieser Aufgabe als ganze Menschen stellen. Und das bedeutet die Trauer, die Unsicherheit, die Wut, die Angst, aber auch die wirklich wilde Liebe."

- Mary Wilkinson



Schon seit über 100 Jahren wird im Rahmen des heute als feministischer Kampftag bekannten 8. März auf die vergangenen und aktuellen feministischen Bestrebungen aufmerksam gemacht. Dabei geht es darum, Ungleichheiten aufzuzeigen und feministische Lösungen sichtbarer zu machen. Und das beinhaltet nicht mehr nur Diskriminierungserfahrungen von Frauen1, viele heutige feministische Bewegungen befassen sich mit den Verwebungen von benachteiligenden Strukturen.

In der jungen Klimagerechtigskeitsbewegung wird der Feminismus meist als Grundlage für Klimagerechtigkeit mitgedacht. Denn „die Klimakrise ist nicht gender-neutral,“ so die Autorin und Aktivistin Katharine Wilkinson. „Sie wächst aus einem patriarchalen System, das auch mit Rassismus, weißer Vorherrschaft und extraktivem Kapitalismus verwoben ist. Und die ungleichen Auswirkungen des Klimawandels erschweren es, eine gendergerechte Welt zu erreichen.“

Frauen, besonders indigene Frauen, Frauen of Colour und Frauen im Globalen Süden, sind statistisch gesehen früher und stärker von der Klimakrise betroffen als Männer. Laut den Vereinten Nationen sind 80% der Menschen, die wegen der Klimakrise flüchten müssen, Frauen. Sie arbeiten außerdem auf globaler Ebene häufiger in der Landwirtschaft als Männer und sind dadurch unmittelbar von Dürre und Ernteausfällen betroffen.

Auch bei Naturkatastrophen wird die soziale Ungleichheit deutlich. Die Genderrollen, die durch die Sozialisierung entstehen, haben verschiedene Folgen. Beispielsweise dauert die Evakuierung von Frauen oftmals länger, weil sie Kindern und Alten helfen. Zudem können Männer häufiger schwimmen. Armut und Flucht erhöhen das Risiko von Zwangsheirat, häuslicher Gewalt, sexueller Gewalt und Menschenhandel.

Diese Auswirkungen kommen zum ohnehin ungleichen Gesellschaftsstand hinzu. Weniger Mitspracherecht, weniger finanzielle Mittel und ungleicher Zugang zu Informationen führen dazu, dass Frauen ohnehin schon benachteiligt und im Angesicht der Folgen des sich erhitzenden Klimas noch stärker betroffen sind. Auch wirtschaftlich stehen Frauen durch ungleiche Bezahlung und eine ungleiche Entlohnung von Arbeit (Stichwort Care Arbeit) oftmals schlechter da. Die Tatsache, dass nur 20% des weltweiten Landbesitzes Frauen gehört, spricht für sich.

Doch beim Zusammendenken von Feminismus und Klimagerechtigkeit wird auch deutlich: Die Ursache und der Kern der Klimakrise sind – genau wie bei sozialen Ungleichheiten - Ausbeutung und Unterdrückung. Die Klimakrise entstand im selben System, indem auch zum Beispiel Rassismus, Klassismus und Sexismus entstehen konnten. Die Strukturen funktionieren nach denselben Mustern und sind nicht voneinander trennbar.

Als Kimberlé Crenshaw in den 70ern den Begriff der Intersektionalität prägte, schaffte sie ein Verständnis für die Überschneidungen und Ähnlichkeiten unterschiedlicher Diskriminierungsformen. Schwarze Frauen sind nicht nur von Sexismus oder Rassismus betroffen, sie erfahren beides zur gleichen Zeit. Sie können nicht in einem Moment nur Frau sein und im nächsten nur Schwarz, sie sind immer Schwarze Frauen. Genauso sind queere Frauen immer queere Frauen und nie nur eines davon (und so weiter). Die verschiedenen Unterdrückungsformen passieren auf mehreren Ebenen gleichzeitig und lassen sich nicht klar trennen.

Es ergibt sich ein Cluster an unterschiedlichen Lebensrealitäten, die alle durch (ein Zusammenspiel aus) Privilegien und Diskriminierungsformen geprägt sind. Und diese Ungleichheiten werden von der Klimakrise verstärkt. Sie wirkt sich anders auf arme Menschen aus als auf reiche - Wer kann sich immer teurere und damit knappere Ressourcen am längsten leisten? Wer kann sich in Gebiete flüchten, die am längsten bewohnbar bleiben? Dabei spielt auch die Nationalität eine große Rolle. Jetzt schon können wir die Konsequenzen des Zufalls unseres Geburtsortes bei den aktuellen Fluchtbewegungen beobachten – Wer kann sich den Wohnort aussuchen? Wer wird über die Grenzen gelassen? Unter Anderem hier kommt die Hautfarbe ins Spiel, die instrumentalisiert wird. In unserer von Kolonialismus geprägten, rassistischen Gesellschaft wirken sich die gemachten Hierarchien stark auf Menschen of Colour und indigene Menschen aus. Und das sind nur ein paar Beispiele.

Letztlich müssen wir verstehen, dass gesellschaftliche Strukturen im patriarchalen Kapitalismus verbunden sind und zusammenarbeiten und das auch klar benennen. Der Klimafeminismus benennt also klar die genderspezifischen Auswirkungen der Klimakrise sowie die Intersektionen von unterschiedlichen Bereichen als Grundverständnis. Beziehungsstatus: Es ist komplex. Aber es ist wichtig sich damit auseinanderzusetzen, denn dann können wir nach Lösungen suchen.

Die Klimakrise braucht feministische Lösungen, bei denen alle einbezogen und soziale Gerechtigkeit und Klimagerechtigkeit zusammengedacht werden. Frauen und marginalisierte Gruppen sind maßgeblich für erfolgreiche Lösungen der Klimakrise. Studien belegen zum Beispiel, dass Frauen in Führungspositionen bessere Ergebnisse in der Klimapolitik und geringere Emissionen erzielen. Klimafeministische Lösungen sind geprägt von Wissen, Mut, Empathie und Gemeinschaft und können dem patriarchalen Kapitalismus was entgegensetzen. Denn obwohl es komplex ist, ist es nicht unlösbar.

„Climate change is a man-made problem with a feminist solution“ – Mary Robinson

Damit einen solidarischen feministischen Kampftag!


*Disclaimer: Frauen sind Frauen, wenn sie sich als solche identifizieren, Punkt. Bei Männern genauso. Aber das sind nicht die einzigen Gender Identitäten die es gibt, tatsächlich gibt es noch viel mehr, die alle ihre Berechtigung haben. Leider werden Statistiken bis jetzt noch immer in der großen Mehrheit nur im binären System von Frauen und Männern erhoben, weshalb Aussagen über andere Identitäten noch schwierig sind. Das binäre System ist übrigens noch sehr jung und war definitiv nicht „schon immer so“ und auch nicht überall auf der Welt. Da kommt dann auch wieder der Kolonialismus ins Spiel. Aber das führt jetzt zu weit. Gender is a spectrum, schwarz weiß denken fast immer zu simpel für diese komplexe Welt, und Wandel sowieso sexy.


Photo by Olya Kobruseva from Pexels


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