• Nathalie Trappe

Wenn Journalismus nicht mehr kritisch sein darf: Eine Hochschulzeitung vor Gericht

Aktualisiert: 8. Mai

Die United Capital geht gegen die Leipziger Hochschulzeitung luhze vor. Wir zeigen Solidarität.


Sie bilden aus. Sie stehen zusammen. Und vor allem schreiben sie. Das Team von luhze e.V. ist viel mehr als eine Hochschulzeitung. Seit ich denken kann, habe ich den Traum, Journalistin zu werden. Bevor ich aber ehrenamtlich für die luhze gearbeitet habe, tat ich diesen Traum als Luftschloss ab. Die Leipziger Hochschulzeitung zeigte mir, wie viel Spaß Schreiben macht. Und vor allem, dass journalistische Arbeit auch einen gesellschaftlichen Wert hat. Umso erschreckender musste ich in der letzten Woche feststellen, dass die luhze genau wegen dieses gesellschaftlichen Wertes in Gefahr ist.


In der Dezember-Ausgabe der luhze berichtete Autorin Leonie Beer über die Leipziger Immobilienfirma United Capital. Diese kauft laut dem Bericht Wohnraum in der beliebten Studierendenstadt Leipzig auf und vermietet die Wohnungen für einen Quadratmeterpreis von 18 Euro dann wieder an Studierende. Beispielhaft wird in dem Artikel die Harnackstraße 10 beschrieben, deren Bewohner:innen bereits über Social Media selbst versuchten, gegen den Konzern vorzugehen und auf die Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen. 7 von 12 Wohnungen in ihrem Haus sollen demnach bereits von der United Capital aufgekauft worden sein. Den Angaben der Immobilienfirma zufolge hätte man ehemaligen Mieter:innen Kontakte zu anderen Anbietern auf dem Markt vermittelt, um eine neue Wohnung zu finden. Auch im Leipziger Stadtrat wurde die Praxis der United Capital bereits auf Anfrage der Linken untersucht. Unter anderem die Prüfung der Baupläne läuft diesbezüglich noch.


Doch United Capital hat scheinbar – aufgrund der Faktenlage logischerweise – die finanziellen Mittel, um sich diese Darstellung in der Öffentlichkeit nicht gefallen zu lassen. Die Immobilienfirma geht gerichtlich gegen luhze e.V. vor und bestreitet dabei die Aussagen der betroffenen Mieter:innen. Da diese per se aber nicht anfechtbar sind, legt man die Zitate der Hochschulzeitung selbst in den Mund und behauptet, die Aussagen wären frei von der luhze erfunden. United Capital fordert, die betroffenen Passagen aus dem Artikel zu streichen und deren Verbreitung zu stoppen. Doch der Artikel bleibt wie er ist und kann online weiter gelesen werden.


Wer in der ganzen Sache Recht bekommt, wird am kommenden Freitag, dem 21. Januar 2022 vor dem Landgericht Leipzig entschieden. In einem einstweiligen Verfügungsverfahren wird diskutiert, ob die luhze die Passagen streichen muss und das Unternehmenspersönlichkeitsrecht von United Capital verletzt hat. Dieses Recht zielt auf den zivilrechtlichen Schutz eines Unternehmens ab, speziell vor einem schlechtem Ruf. Dabei prüft das jeweilige Gericht, ob es sich um zulässige oder unzulässige Meinungsäußerung handelt. So wird verhindert, dass Unternehmen durch Schmähkritik geschädigt werden. Wahre Behauptungen müssen hingenommen werden und meist überwiegt auch die starke Meinungsäußerungsfreiheit gegenüber dem Unternehmenspersönlichkeitsrecht.


Das Fortbestehen des Vereins luhze e.V. und der Hochschulzeitung wäre im Fall der Entscheidung für United Capital fraglich. Luhze e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der sich lediglich über Spenden und Beiträge von Mitgliedern finanziert. Kostenloser Journalismus ist ein Privileg unserer Zeit, aber es ist leider für die Journalist:innen dahinter ein härteres Brot als die Medienwelt es sowieso schon ist. Natürlich unterstütze ich als Schreibende gerne auch das Medium, für das ich tätig bin. Aber ist es nicht paradox, dass wir quasi unsere eigene Arbeit finanzieren müssen, um eine Hochschulzeitung am Laufen zu halten?


Noch alarmierender an diesem Fall ist allerdings die Zensur. Gewinnt die United Capital gegen die luhze, ist das ein Fall der eingeschränkten Pressefreiheit. In was für einer Welt leben wir, dass finanziell gut gestellte Unternehmen unliebsame Berichterstattung über sich einfach „wegklagen“ können? Wie soll unabhängiger Journalismus weiter bestehen können, wenn kleine Magazine wie wir Hochschulzeitungen in ständiger Angst vor einer Klage haben müssen, sobald wir Stellung beziehen? Und dabei geht es nicht einmal um Meinungsartikel. Im Fall der United Capital werden Zitate bestritten, die von Mieter:innen selbst kommen. Diese Aussagen wurden von der Autorin als Stellungsnahmen Dritter kenntlich gemacht. Dieser Artikel ist ein Bericht, gespickt mit Zitaten. Damit zählt er zu einer gängigen Darstellungsform des Journalismus, so lernte ich es einst in einem Workshop der luhze. Denn diese Hochschulzeitung und ihr Verein sind so viel mehr als ein Käseblatt zur Freizeitbeschäftigung von Studierenden. Die luhze, die einst „student!“ hieß, ist ein dynamisches Ausbildungsmedium. Es geht mit der Zeit – deshalb auch die Ausradierung des gender-beschränkten Namens – und es zeigt Generationen von angehenden Journalist:innen, wie man der Welt von der Welt erzählt.

Beim Schreiben dieses Artikels muss ich mich immer wieder selbst ermahnen, nicht zu persönlich, zu nostalgisch zu werden. Schließlich sollte auch das hier ein neutraler Bericht werden. Dieser Versuch ist misslungen. Denn das Gerichtsverfahren gegen die luhze tut mir im Herzen weh. Als ich mein Bachelorstudium begann, schrieb ich hier meinen ersten Artikel, der wirklich gedruckt wurde. Als wäre es heute, sehe ich die Überschrift vor mir: Eine musikalische Schatzsuche durch die Welt, es ging um den Komponisten Edvard Grieg. Es sollten viele Artikel folgen und viele lange Nächte im kleinen Redaktionsraum der luhze. Oft stelle ich rückblickend fest, dass ich wohl mehr Zeit in diese Zeitung gesteckt habe als in mein Studium. Weil ich durch die luhze im Journalismus meine Leidenschaft gefunden habe.


Und deshalb ist die Verhandlung am Freitag so wichtig. Nicht nur weil diese Hochschulzeitung ein einzigartiges, unabhängiges und lesenswertes Magazin ist. Auch weil die Tätigkeit von uns als Journalist:innen damit insgesamt auf der Kippe steht. Der Kapitalismus, der United Capital quasi schon im Namen steckt, sollte demokratischen Prinzipien wie der Pressefreiheit nicht im Wege stehen. Deshalb ist auch die WeAreDrina solidarisch mit der luhze. Denn Journalismus ist mehr als Zeilen zum Zerstreuen des Geistes. Journalismus manifestiert Meinung, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Und das sollte für immer so bleiben dürfen.


Mehr Informationen zum dem Fall findet ihr in der Pressemitteilung der luhze: https://www.luhze.de/2022/01/15/pressemitteilung-pressefreiheit-in-gefahr/.

Teilt gerne ihren und unseren Beitrag, um auf diesen Fall aufmerksam zu machen.


Die öffentliche Verhandlung am Landgericht Leipzig findet am 21. Januar 2022 um 11 Uhr im Sitzungssaal 8 statt. Das gerichtliche Aktenzeichen lautet wie folgt: 08 O 1/22 EV



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