• Analena Bachmann

Vom Privileg der Schönheit – Schönheitsideale im Wandel

Spätestens als eine H&M-Werbung auf YouTube ein sogenanntes „Plus Size Model“ zeigt, ist die Bodypositivity-Bewegung wohl auch im Mainstream angekommen. Diversere Körper abzubilden war auch dringend notwendig. In einer so visuellen, schnelllebigen, kapitalistischen Gesellschaft wie der unseren, in der es immer besser, höher, weiter gehen muss, werden Schönheitsideale zunehmend toxisch. Während Körper offensichtlich immer dünner zu sein haben, um als schön empfunden zu werden, macht Bodypositivity darauf aufmerksam, dass unsere Körper unterschiedlich aussehen. Und dass man nicht irgendwelchen Idealen entsprechen muss, um schön zu sein.

Denn Schönheit ist vor allem flüchtig. Laut der Autorin Liv Strömquist ist Vergänglichkeit genau das, was Schönheit ihren Wert verleiht. Nur dadurch, dass etwas vergeht, wird es für uns wertvoll. Noch dazu sind die Ideale oft widersprüchlich und basieren unter anderem auf rassistischen und sexistischen Werten. Körperbehaarung ist als Frau zu vermeiden, als Mann beweist es Männlichkeit. Weiße* Menschen gehen ins Solarium, während bei Menschen of Color Bleichcremes in Mode sind. Dass diese Ideale auf kolonialistischen und patriarchalen Strukturen basieren, ist wohl offensichtlich. Das nimmt ihnen aber leider nicht die Legitimation in der Gesellschaft.

So mag Schönheit flüchtig und widersprüchlich sein, und trotzdem bringt Schön-Sein viele unbeobachtete Vorteile mit sich. Konventionell schöne Menschen werden zum Beispiel als kompetenter und schlauer eingeschätzt, ihnen werden gewünschte Charaktereigenschaften wie Vertrauenswürdigkeit eher zugeschrieben und sie haben ein höheres Selbstvertrauen. Studien belegen sogar, dass attraktive Menschen im Schnitt weitaus niedrigere Gefängnisstrafen bekommen. Und diese Assoziationen kommen nicht von ungefähr. Schon von klein auf werden wir damit konfrontiert, dass schön gleichbedeutend mit gut ist. Nicht umsonst sind etwa die bösen Stiefschwestern von Cinderella in jeglichen Verfilmungen immer als hässlich dargestellt. Und das ist nur eines von vielen popkulturellen Beispielen, in denen Hässlichkeit mit einer vermeintlich schlechten oder bösen Persönlichkeit gleichgesetzt wird.

Und doch bewegt sich viel. Durch feministische und antirassistische Bewegungen werden Schönheitsideale aufgebrochen. Das Thema Körperbehaarung fand in den letzten Jahren viel Beachtung, bei Frauen, die sich Bein- und Achselhaare lang wachsen und auch färben lassen, und Personen of Color, die sich gegen die Gleichbedeutung von Femininität mit glattrasierter Haut einsetzen. Bei solchen Bestrebungen geht es darum, Schönheit umzudefinieren und Vielfalt und die eigenen Vorlieben zu betonen. Man versucht, selbst zu definieren, was man schön findet und sich möglichst etwas loszulösen, von gesellschaftlichen, unterdrückenden Strukturen.

Aber das Drängen auf die individuelle Schönheit kann auch Stress aufbauen. Die neuere Idee namens Bodyneutrality beschäftigt sich mit genau diesem Gedanken. Es geht darum, den Körper nicht positiv oder negativ einzuordnen, ihn nicht hässlich oder schön zu finden, sondern allgemein nicht zu viel darüber nachzudenken. Denn während ein negatives body image viele ernste Auswirkungen auf eine Person haben kann, so ist der Druck, sich selbst dauerhaft schön finden zu müssen, auch nicht immer förderlich. Bodyneutrality versucht, eine Mitte zu finden, bei der es mehr darum geht, was ein Körper kann, anstatt darum, wie er aussieht. Das kann zum Beispiel bei der Genesung eines gestörten Essverhaltens eine Stütze sein.

Letztendlich wäre eine Gesellschaft wünschenswert, in der man nicht aufgrund des Aussehens mehr oder weniger Wert erfährt. Denn wir sehen nicht alle gleich aus und das müssen wir auch gar nicht, aber deshalb sollten wir nicht ungleich viel Wert zugeschrieben bekommen. Ob Werbe-Kampagnen von H&M uns dahin bringen werden, ist fraglich. Aber sich der Zusammenhänge bewusst zu sein ist schonmal ein guter Schritt. Denn das Privileg von Schönheit findet bisher noch nicht viel Beachtung – und das, obwohl es uns alle dauerhaft beeinflusst.

*Um zu verdeutlichen, dass es sich hier um gesellschaftliche Konstruktionen und nicht um biologische Realitäten handelt, ist weiß kursiv und of Colour und Schwarz groß geschrieben.

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