• Paul Bonte

Mental Health Matters: Die psychologische Beratungsstelle an der Viadrina

Aktualisiert: 8. Mai

In diesen Zeiten ist die flächendeckende Aufklärung über psychologische Erkrankungen so wichtig wie vielleicht nie zuvor. Deshalb haben wir mit Marianne Tatschner von der psychologischen Beratungsstelle der Viadrina gesprochen und Bilanz gezogen.


Die globale Pandemie hat der Studierendenschaft in den letzten zwei Jahren schwer zugesetzt. Die Maßnahmen, die zur Eindämmung des Virus getroffen werden, sorgen für einige Veränderungen an der Viadrina seit diesem besonderen März 2020. Ein unangenehmer Nebeneffekt der Coronamaßnahmen ist jedoch, dass psychische Erkrankungen bei Studierenden immer häufiger auftreten. Eine Studie der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz zeigt zum Beispiel, dass sich die allgemeine mentale Befindlichkeitslage der Studis in den letzten zwei Jahren kontinuierlich verschlechtert hat. Im Vergleich zum Vorjahr berichteten 2020 10% mehr Studierende von Angstzuständen und depressiven Phasen.

Während unsere Universität das Wintersemester 2021/22 noch sehr zuversichtlich begonnen hat, sieht es nun schon wieder so aus, als müssten wir bald wieder zunehmend hybrid oder sogar ganz digital studieren. Die wenigsten jedoch wissen, dass es an der Viadrina zahlreiche Möglichkeiten gibt, über individuelle Probleme und Sorgen zu sprechen. Um sich genauer über die Angebote zu informieren, hat sich unser Redakteur Paul Bonte mit Marianne Tatschner, der Diplompsychologin von der psychologischen Beratungsstelle unserer Universität, getroffen. Er hat sie gefragt, warum mentale Gesundheit für viele immer noch ein Tabu-Thema ist, wie eine Sprechstunde aussehen kann und welche konkreten Dinge man gegen Stimmungstiefs in der bevorstehenden dunklen Jahreszeit tun kann.


Paul Bonte: Frau Tatschner, schon seit etwa eineinhalb Jahren begleitet die Corona-Pandemie den Alltag der Studis. Wie hat sich das auf die mentale Gesundheit in der Studierendenschaft ausgewirkt?

Marianne Tatschner: Unterschiedlich. Das Belastungserleben überwiegt, wobei sich oft eher bestehende Probleme verschlimmern als dass neue entstehen: Wer zum Beispiel vorher schon eher ängstlich war, erlebt jetzt verstärkt Ängste. Oft ist auch Einsamkeit ein Problem oder bei Studienanfänger:innen, das Gefühl, noch gar nicht richtig an der Uni angekommen zu sein. Es gibt aber durchaus auch Studierende, die die Zeit der Online-Lehre als entlastend erlebt haben, denen zum Beispiel das Präsentieren online leichter gefallen ist als in Präsenz.


Welche anderen Sorgen und Ängste der Studierendenschaft nehmen Sie wahr – unabhängig von der Pandemie?

Tatschner: Manchmal geht es um studienbezogene Themen im engeren Sinne, zum Beispiel Probleme, eine Abschlussarbeit auch wirklich zu schreiben. Manchmal geht es aber auch um private Themen, wie zum Beispiel Konflikte in der Herkunftsfamilie oder in der Partnerschaft.


Warum ist mentale Gesundheit ihrer Meinung nach häufig immer noch ein Tabu-Thema? Eigentlich sollte es doch besonders vor dem Hintergrund, dass solche Probleme leider immer häufiger auftreten, längst normal sein, darüber zu sprechen?

Tatschner: Aus meiner Sicht hat das zum einen damit zu tun, dass psychische Probleme oft weniger sichtbar und damit für viele weniger greifbar sind als körperliche. Vor allem aber auch damit, dass – anders als viele körperliche Krankheiten – die meisten psychischen Probleme auf einem Kontinuum existieren. Jeder fühlt sich mal ängstlich oder ist „nicht gut drauf“ – und vielen fehlt die Vorstellungskraft, dass das bei anderen Menschen um so viel ausgeprägter sein kann, dass die Bewältigungsmechanismen, die für einen selbst funktionieren, dann nicht mehr greifen. Dadurch entsteht der falsche Eindruck, die Person übertreibe und müsste sich eben nur mal zusammenreißen oder positiver denken.


Psychische Probleme können jeden treffen. Dafür gibt es an unserer Universität glücklicherweise die psychologische Beratungsstelle. Aber wie läuft eine psychologische Beratung überhaupt ab? Wie kann man sich das vorstellen?

Tatschner: Im Zentrum steht der Auftrag des oder der Studierenden. In der ersten Sitzung erarbeiten wir, was der oder die Studierende erreichen möchte, was für ihn oder sie eine erfolgreiche Beratung ausmachen würde. In den nachfolgenden Sitzungen versuchen wir dann, individuelle Strategien zu finden, um diesem Ziel näher zu kommen.

Organisatorisch gesehen vereinbart man einen Termin für ein Erstgespräch, am besten per E-Mail und bekommt dann alle weiteren Informationen. Gespräche sind vor Ort aber auch online oder telefonisch möglich. Manchmal kommt jemand nur zu einer Sitzung, oft sind es aber auch längere Beratungsprozesse.


Welche Angebote gibt es an der Universität neben einer Einzelberatung?

Tatschner: Neben der Einzelberatung biete ich in Kooperation mit der Zentralen Studienberatung jedes Semester verschiedene Workshops an, dieses Semester unter anderem zu Entscheidungsfindung, Prüfungsangst und Resilienz. Und natürlich sind wir auch nicht die einzigen mit einem Workshop-Angebot, unsere Uni ist mit Workshops und Trainings ja sehr gut und breit aufgestellt. Unser Bereich, also die Psychologische Beratungsstelle und die Zentrale Studienberatung, macht außerdem Präventionsangebote zu Meditation und Achtsamkeit: Jede Woche finden zwei offene Meditationsgruppen statt, in denen man Achtsamkeit für sich entdecken oder seine Praxis vertiefen kann. Und wir haben einen Achtsamkeits-Blog, den „Mindful Monday“, in dem wir Anregungen für achtsames Leben und Studieren geben.


Die dunkle Jahreszeit steht bevor: Welche konkreten Dinge kann man gegen Stimmungstiefs im Winter tun?

Tatschner: Zunächst einmal ist es wichtig zu unterscheiden, ob es sich nur um ein Stimmungstief oder um eine Depression handelt. Das sollte man nicht selbst diagnostizieren. Wenn man da unsicher ist, sollte man eine Fachperson zu Rate ziehen, also zum Beispiel in die Beratungsstelle kommen oder sich an eine:n niedergelassene:n Psychotherapeut:in wenden. Wenn es wirklich nur um ein Stimmungstief geht, hilft es oft schon, ein bisschen Tageslicht abzubekommen, rauszugehen, sich vielleicht zu verabreden oder gezielt eine andere Aktivität einzuplanen, von der man weiß, dass sie einem gut tut. Man kann sich fragen: Was hat in der Vergangenheit gut funktioniert? Was hat mir da geholfen, mich ein bisschen besser zu fühlen und mehr Energie zu haben? Oder: Wann ist es besser, wenn auch nur ein bisschen? Was ist dann anders, was tue ich schon, dass (zumindest manchmal) funktioniert? Oft ist es auch nützlich, sich bewusst zu machen, dass „schlechte Stimmung“, also sich mal traurig oder energielos zu fühlen, dazugehört, dass Dauerfröhlichkeit nicht möglich und vielleicht auch gar nicht erstrebenswert ist. Wie gesagt, für eine Depression gilt das nicht, die ist behandlungsbedürftig, für die gibt es keine schnellen „Tipps“.


Das Interview führte Paul Bonte.


Ohne Voranmeldung könnt ihr montags zwischen 12 und 13 Uhr mit der Diplompsychologin Frau Marianne Tatschner im Raum AM106 sprechen.

Außerdem gibt es eine telefonische Sprechstunde. Immer dienstags zwischen 13 und 14 Uhr und donnerstags zwischen 10 und 11 Uhr könnt ihr unter folgender Rufnummer Hilfe bekommen: 033555344336.

Rund um die Uhr ist die anonyme Telefonseelsorge unter 08001110111 erreichbar. Weitere Informationen findet ihr unter europa-uni.de/psychberatung.

Nähere Informationen zu den Meditationsgruppen findet ihr im Netz unter europa-uni.de/meditation.

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