• Fabio Mauro

Kleider machen Leute!?

Im Zwiespalt mit den sich aufweichenden Geschlechtergrenzen in der Mode. Ein Kommentar.


Auffällige Ohrringe, Perlenketten, lackierte Fingernägel. In den Großstädten liberaler Staaten sowie in den sozialen Medien werden diese einst als ausschließlich weiblich konnotierten Modeaccessoires mittlerweile auch von heterosexuellen Männern getragen – und das ist nur eine kleine Auswahl. Die Grenzen des Tragbaren scheinen sich für den gemeinen Mann zu weiten.

Seit jeher wird mehr oder weniger streng reglementiert, wer was wann anziehen darf. Das Hosentragen etwa ist für Frauen erst seit der Mitte des letzten Jahrhunderts überhaupt denkbar, gesellschaftliche Akzeptanz fand es noch viel später.

Mode ist, soweit sie sichtbar ist, per se ja etwas Oberflächliches. Damit wohnt ihr zumindest das Potential inne, auch Präsentations- und Projektionsfläche von sozialen, politischen und kulturellen Zugehörigkeiten zu sein. Der Habitus einer sozialen Klasse wird vielleicht sogar durch nichts anderes so effektiv nach außen getragen – Kleider machen eben noch immer Leute. Am Beispiel der Hippie-Bewegung oder auch an der Punkszene sieht man, wie Mode Protestcharakter erhält und zu einer äußerlich sichtbaren Symbolisierung eines Nonkonformismus wird. Mode ist also politisch. Aber eben nur solang sie symbolisch für etwas steht.

Im Zukunftsreport 2022 prophezeit die Trendforscherin Lena Papasabbas: „Dass heute immer häufiger Typen in Röcken zu sehen sind, ist mehr als ein Modetrend. Es ist das Sichtbarwerden einer neuen Ära der Geschlechterverhältnisse.“ Selbstverständlich ist es wünschenswert, dass alle das tragen können, was sie wollen. Aber Mode sollte, auch wenn sie Geschlechtergrenzen aufzusprengen scheint, nicht bloß für ihren Selbstzweck glorifiziert werden. Probleme der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und den Angehörigen der queeren Gemeinschaft bleiben weiterhin bestehen (siehe Gender-Pay-Gap oder Daten zur weltweiten Verfolgung von LGBTIQ+).


Das T-Shirt einer Politband kann auf meine politische Gesinnung hindeuten. Für Schwule konnte ein lackierter Fingernagel oder ein Ohrring auch als Erkennungsmerkmal untereinander funktionieren. Eine Art sozialer Code, der das Offline-Dating ein wenig einfacher gemacht hat. Dass das jetzt durch den Trendwandel passé ist, ist zu verkraften. Aber es zeigt, dass das Symbolische auch auf etwas Konkretes deuten kann und dass es zu Verzerrungen kommen kann, wenn bestimme Artefakte ihre Bedeutung ändern oder ganz an Bedeutung verlieren.

Das Abfeiern von Männern mit Ohrringen als eine Ära neuer Geschlechterverhältnisse, ohne die fortbestehenden Probleme anzusprechen, ist aus einem ganz anderen Grund gravierend: Es verschleiert, wer diesen Trend noch befeuert: Denn längst hat man die Queers als Zielgruppe entdeckt und buhlt heuchlerisch mit schicken Marketing Rainbow- Makeovern um ihre finanzielle Gunst. Diese Praktik nennt sich Pinkwashing. Auch der Begriff Queerbaiting beschreibt solches Verhalten ganz gut: Firmen oder Personen locken Kund:innen aus der LGBTIQ+-Szene mit uneindeutigen Anspielungen auf ihre Unterstützung für nicht heteronormative Daseinsformen, halten sich dann aber mit tatsächlicher Solidarität zurück.

Solange ein Trend den Profitierenden Dollarzeichen in die Augen treibt, kann dieser bestehen bleiben. Sind sie aber auch bereit, sich wirklich für das Wohl der Community einzusetzen? Queere Künstler:innen angemessen zu kompensieren, zum Beispiel. Oder im Lichte eines intersektionalen Queerfeminismus auch Verantwortung für die Beschäftigten in den Niedriglohnländern zu übernehmen, in denen das Gros unserer Mode produziert wird.


Nur Perlenketten an Männer zu verkaufen, reicht nicht. Als (heterosexueller) Mann nur Nagellack zu benutzen, auch nicht. Die Probleme und Ungleichheiten sind leider nicht gelöst, weil nun ein paar privilegierte Heten auf Festivals ihre Fingernägel bunt anmalen, da sie ja ach-so-woke sind. Und das Aufbrechen geschlechterspezifischer Kleiderordnungen droht, sofern es unbewusst vonstatten geht, eher kapitalistische Strukturen zu legitimieren, als tatsächlich in der verstaubten Kammer namens Geschlechterverhältnisse aufzuräumen.


Die alltägliche Praxis, die über die Mode hinausgeht, muss sich ändern. Das gilt nicht nur für die Großakteure unserer kapitalistischen Gesellschaft. Das Individuum kann bei sich selbst anfangen, indem es sich weiterbildet und mit Rollenstereotypen bricht – und zwar nicht nur in Bezug auf Kleidung. Also Männer: lest über das Patriarchat, hört euren Freund:innen zu, wenn sie über ihre täglichen Kämpfe sprechen. Solidarisiert euch mit der LGBTIQ-Szene, denn diese hat die voranschreitende Normalisierung eurer neuen Trends angestoßen. Hinterfragt überkommene Rollenbilder, auch wenn es manchmal unangenehm ist unter seinen Homies die „Feminismus-Keule“ zu schwingen. Sorgt für faire Verhältnisse in eurer persönlichen Blase und teilt Care-Arbeit auf. Kurzum: Steht wirklich für mehr Gerechtigkeit ein, nicht nur in symbolischer Form. Das dann auch gerne mit Perlenkette.

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