• Helena Dolderer

Fertig mit dem Studium – und dann? Ein Plädoyer für weniger Stress



Nachdenklich starre ich auf den Werkstudent*innenvertrag in meinen Händen. Gerade wurde er um ein Jahr verlängert. So lange bin ich voraussichtlich auch noch Studentin. Hochschulsemester: 13 steht auf meiner aktuellen Imma-Bescheinigung. Nächstes Jahr im Frühling will ich meine Masterarbeit schreiben. Und dann? Nach rund sechs Jahren werde ich wohl aus dem warmen, muggeligen Mantel des Studiums schlüpfen. Und ohne Mantel bin ich erstmal nackt: Ohne Semesterticket, ohne Hauptbeschäftigung – und vor allem ohne Ausreden. „Was willst du beruflich machen?“ wird ohne Studium plötzlich bedeutungsschwer. Die „erstmal das Studium fertig machen“-Antwort zieht nicht mehr. Statt eines Mantels trage ich dann Verantwortung.

Aber ist das nicht auch großartig? Endlich nicht mehr Montagfrüh um 8 Uhr im Hörsaal sitzen. Nicht mehr erfolglos versuchen, der hochgestochen redenden Juraprofessorin zu folgen. Nicht mehr gefühlte 700 Folien unter Zeitdruck auswendig lernen und um gute Noten bangen. Nicht mehr ungesalzenes graues Mensaessen vom Plastiktablett essen. Sind das nicht rosige Aussichten? Theoretisch ja. Irgendwo zwischen den unzähligen Möglichkeiten nach dem Studium spüre ich neben der Mischung aus Lust auf Neues eine Angst vor der Zukunft in mir. Mal hält sie sich bedeckt, mal pocht sie schwerfällig in der Magengegend: Ich muss nach der Schule eine gute Ausbildung machen und einen gut bezahlten Job finden. Einen Plan vom Leben haben. Möglichst geradlinig. Und als i-Tüpfelchen selbstverständlich glücklich oder mindestens zufrieden damit sein.

Stattdessen schwirren dutzende Fragen in meinem Kopf herum, wie die fliegenden Schlüssel im ersten Teil von Harry Potter: Was will ich später machen? Finde ich einen Job, der mich erfüllt? Muss ich mich in einer mindestens 5-Tage-Woche kaputt arbeiten, um mir mein Leben leisten zu können? Oder sind auch vier Tage okay?

Die sogenannte Generation Y wird für ihren Wunsch nach einer besseren Work-Life-Balance oft belächelt. Aber was ist verkehrt an der Idee, sich nicht mehr nur über den Job zu definieren, sondern im Leben genügend Platz für zwischenmenschliche Beziehungen, Hobbys und andere schöne Dinge finden zu wollen?

Nicht zu wissen, was als Nächstes kommt, fühlt sich manchmal erdrückend an. Aber das muss es nicht. Hand aufs Herz: Planen kann man eh nur begrenzt. Erstens kommt es anders – zweitens als man denkt, würde Wilhelm Busch sagen. Mein Weg war bisher mal mehr, mal weniger linear. Ich habe nach der Schule ein Jahr Pause gemacht, einen Bachelor angefangen, die Uni gewechselt, durchgezogen, mit dem Master weitergemacht, einen Entschluss gefasst, abgebrochen, eine kurze Sinnkrise durchlebt, einen neuen Master angefangen. Nächstes Jahr werde ich 26 und weiß immer noch nicht, wo ich in zehn Jahren stehen will. Und das ist voll okay.

Ich glaube, wenn wir anfangen, uns von vorgelebten Idealen weniger unter Druck setzen zu lassen, dann können wir mehr im Jetzt leben und den Fokus auf das legen, was uns Spaß macht und uns persönlich weiterbringt. Wir können träumen, Pläne machen und womöglich in dem holprigen Weg durch das Berufsleben einen Zustand der Zufriedenheit finden. Statt immer höher und immer mehr zu wollen, könnten wir uns von den Erwartungen unserer Leistungsgesellschaft loslösen und unser Glück in der Gegenwart finden. Denn manchmal passt nicht nur der fliegende Schlüssel mit dem gebrochenen Flügel in das Schloss – sondern dutzende.


Foto: Pixabay

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