• Daniel Reinhardt

Ein Semester in Seoul: Zwischen Bibimbap, Homo-Hill und Vitamin-D-Mangel

Es ist Mitte Mai. Meine Zeit hier ist schon fast zu Ende. Anfang Juli geht es wieder zurück nach Deutschland, nach Frankfurt (Oder). Jetzt sitze ich hier in einem Café, vielleicht zwanzig Meter entfernt von meinem Zuhause der letzten Monate. Mein Zuhause: ein mittelgroßes Zimmer in einem Hostel, keine Fenster, ein kleiner Kühlschrank, eine Gemeinschaftsküche auf dem Dach. Mein kleines Bad ist etwas skurril mit Toilette und Dusche/Waschbecken-Kombi ohne Ablaufbecken - wenn ich duschen gehe, dann steht erstmal das ganze Badezimmer unter Wasser. Das ist hier in vielen solcher Wohnungen der Standard. Dass ich kein einziges Fenster habe und somit in kompletter Dunkelheit aufwache, hat mich anfangs noch nicht so gestört – langsam, aber sicher schlägt es mir dann aber doch aufs Gemüt.

Das einzig Gute daran ist, dass ich mich hier noch viel öfter draußen herumtreibe als sowieso schon. So gerne ich auch mal einen halben Tag von meinem Bett aus Serien und Filme schaue – es gibt einfach so viel zu sehen hier! Die Hauptstadt Südkoreas ist eine riesige Metropole mit etwa zehn Millionen Einwohner*innen (sogar bis zu 25 Millionen, wenn man die äußeren Bereiche mitzählt!). Für mich ist es die bisher größte Stadt, in der ich jemals für einen längeren Zeitraum war. Mein Sonnenlicht-loses Zimmer befindet sich direkt an der Seoul Station, quasi dem zentralen Hauptbahnhof, mit Nah- und Fernverkehr-Anbindung – sehr praktisch! Drum herum dann ein Getümmel aus modernen Hochhäusern, Straßenmärkten, traditionellen Hanok-Häusern und buddhistischen Tempeln.


Fast täglich sehe ich neue Ecken, Restaurants, Sehenswürdigkeiten und Cafés – gerade Plätzen zum Essen und Kaffee-Trinken mangelt es Seoul ganz und gar nicht! Fast überall gibt es Gimbap (김밥), Bibimbab (비빔밥) und andere koreanische Köstlichkeiten. Gerade das kleine Restaurant nebenan besuche ich in der Zeit hier sehr oft – inzwischen erkennen mich die Frauen dort auch direkt und wissen quasi schon, was ich bestellen werde. Das könnte auch an meiner Erscheinung liegen: fast zwei Meter groß, weiß und meistens mit lackierten Fingernägeln.

Jetzt sind es also nur noch etwa anderthalb Monate, bis es wieder nach Deutschland, 독일, geht. In meinen lokalen Cafés sitze ich fast schon täglich. Zum einen um mein Vitamin-D Level aufzuladen und zum anderen, weil ich es liebe während des Lernens für die Uni zwischendurch den Menschen auf der Straße bei ihrem Treiben zu beobachten. Glücklicherweise haben viele Cafés hier lange Fensterfronten. Dann sitze ich teilweise stundenlang dort, schaue meine Uni- oder YouTube-Videos, trinke Iced Vanilla Latte, und lese Bücher. Ja, ich schaue Uni-Videos, denn nach wie vor beeinflusst die Corona-Pandemie das Leben hier in Seoul. Gerade zu Beginn war des Semesters war es noch Pflicht, die Maske auch draußen zu tragen – inzwischen ist das nicht mehr so, nur die Koreaner*innen tragen fast immer auch draußen weiterhin eine Maske. Trotzdem zumindest meine Vorlesungen noch immer online sind, veranstalten viele Unis im Sommer große Festivals über mehrere Tage und laden dann auch namhafte K-Pop-Stars ein und das meistens sogar komplett kostenlos. An meiner Uni kamen beispielsweise BewhY und HyunA. Ich persönlich gehe dann doch lieber in den „Szenevierteln“ Seouls, Hongdae (홍대) und Itaewon (이태원), feiern.


In Itaewon gibt es den sogenannten „Homo Hill“ - einen Bereich mit hauptsächlich queeren Clubs und Bars. Vom Darkroom im Eagle bis zur Drag Show im Rabbithole – hier fühle ich mich als queere Person wohl. Allgemein ist das queere Leben hier definitiv anders als in Deutschland. Rein objektiv gesehen gibt es nach wie vor viele Staaten, in denen die Situation für queere Menschen definitiv “schlimmer” ist: Immer noch ist es in etwa 70 Ländern der Welt illegal, „offen queer zu leben” - einige davon haben sogar eine Todesstrafe für die LGBTQ+-Community. Auch wenn das in Südkorea nicht der Fall ist stehen hier queere Menschen vor vielen rechtlichen Hürden. Das prominenteste Beispiel ist die Heirat von gleichgeschlechtlichen Menschen, die in Südkorea nicht erlaubt ist. Zudem gibt es keine offiziellen Gesetze, welche die Diskriminierung gegenüber Menschen des LGBTQ+-Spektrums illegal machen. Da mich das alles so direkt nicht betroffen hat, ist es mir persönlich eher daran aufgefallen, wie sehr das ganze Thema gesellschaftlich, selbst unter jungen Menschen, ein Tabu-Thema ist. Ich habe mit einigen jungen schwulen Männern gesprochen. Der Großteil ist nicht geoutet. Sie haben Angst ausgestoßen zu werden, von der Familie und der Gesellschaft. Auch wenn es mit dem Homo Hill, den queeren Clubs und der aktiven Drag-Szene schillernde Hoffnungsträger*innen gibt, ist es ein langer Weg, voller Hürden und voller Schmerz für die Betroffenen zu mehr Akzeptanz und Anerkennung.

Trotzdem kann ich Seoul empfehlen, sowohl als Auslandssemester, als auch als Urlaubsziel. Teilweise fühlte es sich für mich schon eher wie eine Reizüberflutung an, was aber wohl dazu gehört. Das konstante Entdecken von Menschen, Traditionen, Essen und Kultur machten es mir gerade zu Beginn schwierig, Fuß zu fassen und alles zu genießen. Inzwischen habe ich meinen Kreis an Menschen und meine Lieblingsorte gefunden und diese auch so liebgewonnen, dass ich die Zeit hier vermissen werden.

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